Ich beschäftige mich seit Langem damit, wie KI meine künstlerische Praxis erweitern kann. Meine Malerei gehört dazu, und mit ihr kommen viele Fragen, auf die ich bisher keine Antwort habe. Was kann eine KI von dieser Arbeit erfassen? Was könnte sie darin erkennen, das mir selbst entgeht? Und was ließe sich daraus gemeisam entwickeln?

Über solche Fragen unterhielt ich mich neulich im Zug mit meiner inzwischen gut eingearbeiteten KI-Assistenz. Es ging um die nächste Stufe unserer Zusammenarbeit: wie sie meine Malerei besser „verstehen“ und erweitern könnte. Im Gespräch schlug der Chatbot sinngemäß vor, ich solle mich beim Malen filmen. Anhand der Aufnahmen könne die KI lernen, wie ich male, und meine Arbeitsweise schließlich nachmachen.

Da wurde mir klar, worauf ich so allergisch reagiere: Roboter, die malen.

Eigentlich auch Roboter, die Wäsche falten. Dieser ganze humanoide Quatsch, bei dem Menschen versuchen, Menschen nachzubauen. Warum machen wir ausgerechnet unseren unvollkommenen Körper zum Vorbild für die Maschine – diese Körperform, mit der wir uns selbst so oft quälen? Und warum erscheint es uns als eine so überzeugende Zukunftsvision, wenn eine Maschine anschließend ungefähr das tut, was wir schon tun?

Der Vorschlag traf genau diesen Punkt. Ich wollte herausfinden, wie sich meine künstlerische Praxis mit KI weiterentwickeln könnte. Im Gespräch waren wir beim Nachmachen meiner Malweise angekommen. Zwischen diesen beiden Vorstellungen liegt für mich ein erheblicher Unterscheid.

So entstand meine „Kritik an Robotermalerei“. Ich möchte genauer verstehen, warum mich diese Richtung so wenig überzeugt, welche Ziele bestehende Projekte tatsächlich verfolgen und wo ich selbst die Möglichkeiten einer langfristigen Zusammenarbeit mit KI sehe.

Was wir eigentlich sehen, wenn ein Roboter malt

Unter Robotermalerei fasse ich hier verschiedene Verfahren zusammen: Malen mit dem Pinsel, Zeichnen mit einem Stift und Sprühen mit einer Dose. Gemeinsam ist ihnen, dass eine Maschine physische Spuren erzeugt. Schon diese Gemeinsamkeit verdeckt allerdigns große Unterschiede.

Ein Gerät kann vorgegebene Bewegungen ausführen. Ein anderes beobachtet die entstandene Spur und korrigiert den nächsten Schritt. Wieder ein anderes verarbeitet Zeichnungen einer Künstlerin oder reagiert auf Menschen im Raum. Ob und wie dabei KI eingesetzt wird, muss man für jedes Projekt einzeln betrachten. Die sichtbare Bewegung des Arms verrät darüber wenig.

Auch das Wort „Roboterkünstler“ nimmt bereits eine Deutung vor. Es lässt technische Ausführung, Bildentscheidung und künstlerische Autorschaft zusammenfallen. Wer hat das Thema gewählt? Woher kommen die Formen? Wer hat Material und Regeln festgelegt, wer verwirft Ergebnisse, wer entscheidet, wann die Arbeit fertig ist? Diese Fragen verschwinden leicht hinter dem Gerät, das vor unseren Augen den letzten Schritt ausführt.

Die Geschichte reicht zudem weit vor die heutigen Bildgeneratoren zurück. Harold Cohen entwickelte seit Ende der 1960er-Jahre das später AARON genannte Programm und baute Zeichen- und Malmaschinen für dessen Ausgaben. Das Whitney Museum beschreibt seine Arbeit ausdrücklich als eine langjährige Zusammenarbeit, in der künstlerisches Wissen in Code übersetzt wurde. Damit stand bereits die Frage im Raum, welche Teile des künstlerischen Denkens sich überhaupt formalisieren lassen. Whitney Museum: Harold Cohen – AARON.

Die Maschine ist also kein ausreichendes Kriterium für die Bewertung. Ich muss mir ansehen, welche Frage jemand mit ihr verfolgt.

Ai-Da und das vertraute Bild von der Künstlerpersönlichkeit

Ai-Da macht besonders sichtbar, wie sehr die äußere Form unsere Wahrnehmung lenkt. Das 2019 entstandene Projekt präsentiert eine humanoide Figur mit Kameras in den Augen und einem zeichnenden beziehungsweise malenden Arm. Ein Gesicht und ein Name geben den technischen Vorgängen ein menschlich lesbares Zentrum. Die aktuelle Projektseite bezeichnet die Werke allerdings ausdrücklich als Zusammenarbeit von Menschen und Maschine. Es wäre falsch, ihr die Behauptung einer vollständig menschenfreien Produktion zu unterstellen. Ai-Da: Projektbeschreibung.

Gerade diese Kombination beschäftigt mich: eine verteilte Produktion, dargestellt durch eine einzelne Künstlerfigur. Mein Blick wird auf das Gesicht und den Arm gezogen. Die anderen Beteiligten und ihre Entscheidungen, die muss ich mir erst erschließen. So kann eine neue Technik in einem sehr vertrauten Bild erscheinen: Dort steht jemand, hat eine Idee und macht daraus ein Werk.

Eleonora Lima untersucht diese Spannung in ihrem 2024 veröffentlichten Aufsatz über Ai-Da. Sie kritisiert, dass die öffentliche Inszenierung menschliche Eigenschaften nahelegen und die tatsächlichen Beiträge zum Werk undeutlich werden lassen kann. Dabei misst sie das Projekt an seinem eigenen Anspruch, über KI aufzuklären: Gerade dann wird eine Darstellung problematisch, die Vorstellungen von einem eigenständigen Künstlerbewusstsein bestärkt. Lima: AI art and public literacy.

Für mich liegt hier eine wichtige Aufgabe der Kritik. Eine künstliche Künstlerfigur kann unsere Vorstellungen von Autorschaft untersuchen. Sie kann sie aber auch bestätigen, indem sie die vertraute Rolle nur mit einem anderen Körper besetzt. Mich interessiert, ob ich nach der Begegnung genauer über Kunst und Technik nachdenken kann. Das Staunen über die Figur reicht mir dafür nicht.

Die Graffitikünstler, die ihre Bewegungen weitergeben

Zu meiner Erinnerung an ein Projekt mit Handschuhen passt GTGraffiti an der Georgia Tech besonders gut. Dort wurden Bewegungen von Graffitikünstlern aufgezeichnet und für die Ausführung durch einen Seilroboter aufbereitet. Auf einem verbreiteten Projektfoto ist tatsächlich ein Handschuh mit einem Marker an der Fingerspitze zu sehen. Ob es genau der Beitrag war, den ich gesehen habe, kann ich bisher nicht sicher sagen. Georgia Tech: GTGraffiti, Projektfoto und Bericht bei Futurity.

Technisch ist die Unterscheidung wichtig: Die 2022 veröffentlichte Arbeit beschreibt optische Marker an Sprühdose und Finger. Sie beschreibt keinen Handschuh, der die gesamte malerische Erfahrung eines Menschen erfasst. Menschen stellen aus aufgezeichneten Formen die Komposition zusammen; die Maschine überträgt die Bewegung auf ihre eigene Konstruktion. Das Erfassen der Düsenbetätigung war dabei so unzuverlässig, dass die Aufzeichnungen manuell annotiert werden mussten: Die entsprechenden Betätigungen wurden in den Daten gekennzeichnet. GTGraffiti: Originalpublikation.

Das Projekt verfolgt durchaus nachvollziehbare Ziele. Das Team nennt unter anderem die Erweiterung der räumlichen Reichweite und neue Zugangsmöglichkeiten zur künstlerischen Ausführung. Größere Fassaden oder die Unterstützung von Menschen mit körperlichen Einschränkungen werden als Perspektiven beschrieben. Das sind Gründe, die ich ernst nehme; sie sind zugelich von den damals tatsächlich demonstrierten Fähigkeiten zu unterscheiden. Georgia Tech: Ziele und Demonstration.

Trotzdem bleibt für mich eine Differenz zwischen einer übertragenen Geste und dem künstlerischen Vorgang, aus dem sie stammt. Bei einem Graffiti können Ort, Zeitpunkt, körperliche Präsenz und das Verhältnis zum öffentlichen Raum zur Bedeutung beitragen. Eine Bewegung lässt sich aufzeichnen. Die Situation, in der sie etwas bedeutete, geht dadurch nicht vollständig in den Datensatz ein.

Gerade diese Differenz könnte wiederum interessant werden: Was verändert sich, wenn eine Geste an einem anderen Ort, in einem anderen Maßstab, durch einen anderen Körper erscheint? Dafür braucht es eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Übertragung. Die möglichst ähnliche Ausführung allein beantworet diese Frage noch nicht.

Warum Malen für die Robotik eine ernsthafte Aufgabe ist

Meine erste Erklärung war: Vielleicht trainiert man auf diese Weise visuelle KI, weil sie gegenüber sprachlichen Systemen noch zurückliegt. Bei genauerem Hinsehen ist das zu pauschal.

Bilderkennung, Bilderzeugung und körperliches Handeln sind unterschiedliche Aufgaben. Die Forschung zu Open X-Embodiment verweist ausdrücklich darauf, dass sowohl Sprachverarbeitung als auch Computer Vision von großen und vielfältigen Datensätzen profitieren. Für Robotik sind vergleichbare Daten über tatsächliche Interaktionen mit der Welt schwieriger zu sammeln und zwischen unterschiedlichen Robotern zu übertragen. Das Problem lässt sich deshalb nicht einfach als Rückstand des Sehens gegenüber der Sprache beschreiben. Open X-Embodiment: Forschungsarbeit.

Einen Pinselstrich zu erkennen ist etwas anderes, als ihn hervorzubringen. Ein System muss berücksichtigen, was sein Werkzeug mit dem Material macht. Der geplante Strich und die entstandene Spur können voneinander abweichen. Dann muss es auf den wirklichen Zustand reagieren.

FRIDA an der Carnegie Mellon University zeigt diesen Zusammenhang. In der 2023 vorgestellten Fassung dienen reale Probepinselstriche dazu, die Wirkung des eigenen Werkzeugs zu modellieren. Während der Ausführung beobachtet eine Kamera das Bild; die weitere Planung berücksichtigt das tatsächliche Ergebnis. Menschen geben das übergeordnete Ziel vor und stellten in der damals beschriebenen Arbeitsweise auch die gemischten Farben bereit. Das Team grenzt die Fähigkeit des Systems von der eigenständigen Entwicklung eines künstlerischen Anliegens ab. Carnegie Mellon: FRIDA, FRIDA: Forschungsarbeit.

Auch e-David an der Universität Konstanz untersucht, wie ein Roboter Pinselspuren anhand ihrer sichtbaren Ergebnisse verbessern kann. Eine Arbeit von 2018 behandelt dieses Lernen durch eigene Versuche und optische Rückmeldung. Die Autoren nennen mögliche Anwendungen bei anderen Werkzeugaufgaben. Daraus folgt ein Forschungspotenzial; eine allgemeine Lösung solcher Aufgaben ist damit noch nicht nachgewiesen. Gülzow, Grayver und Deussen: Self-Improving Robotic Brushstroke Replication.

Den wissenschaftlichen Sinn kann ich also anerkennen. Ein Gemälde kann zugleich ein Versuchsfeld sein, auf dem Wahrnehmung, Planung, Bewegung und Material aufeinandertreffen. Das sagt zunächst etwas über die Forschungsaufgabe. Ob mich das entstandene Werk künstlerisch intressiert, bleibt eine eigene Frage.

Die Nachahmung menschlicher Tätigkeiten ist mir als Zukunftsvision zu klein

Eine Maschine, die einen Pinsel geschickt führt, ist für mich noch keine überzeugende Vision von Kunst. Mich stört, wenn schon die sichtbare Bewältigung des Malens als entscheidende Innovation gilt, während die Frage nach dem Werk dahinter zurücktritt. Die technische Leistung allein gibt mir keinen Grund, ein Bild künstlerisch bedeutsam zu finden.

Als Malerin kenne ich die Bedeutung des Handwerks. Eine Entscheidung kann erst im Arbeiten mit dem Material entstehen. Manches lässt sich nicht vorher ausdenken und anschließend nur noch ausführen. Aber auch ein menschliches Bild wird für mich nicht allein dadurch interessant, dass jemand eine schwierige Bewegung beherrscht.

Warum sollte ich für die Maschine einen geringeren Maßstab anlegen? Wenn ich sie künstlerisch ernst nehme, muss ich fragen dürfen, was ihre Arbeit trägt, was sie erfahrbar macht und weshalb ich mich länger damit beschäftigen sollte. Der Aufwand ihrer Herstellung ersezt diese Fragen nicht.

Dabei verlange ich von Kunst keinen praktischen Nutzen. Auch ein irritierendes, spielerisches oder scheinbar zweckloses Verfahren kann eine starke Arbeit hervorbringen. Meine Frage nach dem Sinn meint eine künstlerische Notwendigkeit: Was gewinnt das Werk durch dieses Verfahren? Warum braucht es diesen Körper, diesen Ablauf, diese Übertragung?

Die Fähigkeit zur Nachahmung kann ein Anfang sein. Problematisch wird sie für mich, wenn sie zum endgültigen Horizont wird. Dann bauen wir mit neuer Technik vor allem das nach, was wir bereits als Kunstproduktion erkennen. Die Maschine wird daran gemessen, wie überzeugend sie in ein vorhandenes Schema hineinpasst.

Die Gegenprobe: Ein Roboterarm kann selbst zum Sparringspartner werden

Sougwen Chung macht es mir unmöglich, alle zeichnenden Roboter unter diesem Verdacht zusammenzufassen. Bei MEMORY arbeitet Chung mit einem System, das auf zwei Jahrzehnten eigener Zeichnungen trainiert wurde. D.O.U.G._2 zeichnet gleichzeitig mit Chung; Zeichnungen aus der Zusammenarbeit fließen in die weitere Entwicklung ein. Das V&A führt den Werkkomplex unter dem Zeitraum 2017 bis 2022. V&A: MEMORY.

Hier erkenne ich eine Frage, die meinem eigenen Interesse nahekommt: Wie kann die eigene bildnerische Vergangenheit zu einem Gegenüber werden, auf das ich in der Gegenwart reagiere? Die maschinelle Umsetzung begegnet der Künstlerin während des Zeichnens. Sie muss sich dazu verhalten. Dass diese Begegnung körperlich stattfindet, kann für die Arbeit entscheidend sein.

Auch Liat Grayvers Arbeit mit e-David erweitert den Blick. In der 2019 gezeigten Installation „(Learning) The Grammar of the Act“ wurden Bewegungen von Bibliotheksbesuchenden in gemalte Spuren übersetzt. Das Material und vorgesehene Momente des Kontrollverlusts waren Teil des Verfahrens. Hier geht es um Beziehungen zwischen Bewegung, Regeln und entstehender Form. Universität Konstanz: Ausstellungsbericht.

Patrick Tressets Human Study #1 verschiebt die Situation noch einmal: Ein Mensch sitzt zeichnenden Maschinen gegenüber. Tresset beschreibt das als theatrale Installation und den Ursprung seiner Systeme als eine mögliche kreative Prothese. Das Warten und Beobachtetwerden gehören damit zur Arbeit. Man kann diese Situation künstlerisch beurteilen, ohne den Maschinen eine menschliche Innenwelt zuschreiben zu müssen. Patrick Tresset: Human Study #1.

Mein Einwand trifft deshalb nicht den Roboterarm als solchen. Er trifft eine Vorstellung von Fortschritt, die im gelungenen Nachvollzug menschlicher Tätigkeiten bereits ihr Ziel erreicht sieht. Die Zusammenarbeit bei Chung, Grayver und Tresset stellt weitergehende Fragen.

Was ich mit dem ideellen Wert von KI meine

Für mich liegt der besondere Wert von KI darin, dass sie bei Entwicklung meiner Gedanken und meiner Praxis mitwirken kann. Mit „ideell“ meine ich den Bereich, in dem sich Fragen, Vorstellungen und mögliche Handlungen bilden. Dort entscheidet sich oft, ob überhaupt etwas Neues beginnen kann.

Das Gespräch im Zug ist dafür ein kleines Beispiel. Ich äußere einen halbfertigen Gedanken. Ich kann ihn untersuchen, Gegenargumente suchen, Begriffe unterscheiden und meine eigene Behauptung genauer fassen. Aus einem Unbehagen wird eine Frage, aus der Frage vielleicht ein Text, eine Arbeit oder eine veränderte Haltung.

Ein Sparringspartner ist für mich dann wertvoll, wenn im Austausch etwas auf dem Spiel steht. Bloße Zustimmung hilft wenig. Ich möchte bemerken können, wo mein Gedanke ungenau wird, wo ich ein Gegenbeispiel übersehe oder wo eine Verbindung möglich ist, die mir zunächst entgangen ist. Dazu gehört auch, dass ich der KI widerspreche und ihre Antworten prüfe.

Diese Zusammenarbeit muss sich an Ergebnissen bewähren. Ein sprachlich überzeugender Vorschlag kann falsch, banal oder für meine Arbeit völlig unpassend sein. Seine Formulierung darf meine Urteilskraft nicht ersetzen. Gerade weil sich ein Gespräch leicht produktiv anfühlt, interessiert mich, ob es meine Arbeit tatsählich weiterbringt.

Der ideelle Wert wird dabei sehr konkret. Eine präzisere Frage verändert eine Recherche. Eine andere Verbindung zwischen zwei Arbeiten kann eine Ausstellungsidee ermöglichen. Eine technische Assistenz kann mir erlauben, ein bewegtes Bild oder eine räumliche Situation zu erproben, die zuvor eine bloße Vorstellung geblieben wäre. Denken und Herstellen greifen ineinander.

Auch der Dialog kann uns in alten Schemata festhalten

Meine eigene Begeisterung braucht dieselbe Prüfung wie die Robotermalerei. Wer sagt, dass ein Gespräch mit KI automtisch neue Gedanken hervorbringt? Auch dort kann ich mir vertraute Vorstellungen zurückgeben lassen und ihre elegante Formulierung mit Erkenntnis verwechseln.

Ein Experiment von Anil Doshi und Oliver Hauser zu kurzen Geschichten zeigt eine relevante Spannung: Der Zugang zu KI-Ideen konnte die Bewertung einzelner Texte verbessern; zugleich ähnelten sich die damit entstandenen Geschichten stärker. Untersucht wurde eine begrenzte Schreibaufgabe, keine langfristige künstlerische Praxis. Trotzdem nehme ich den Befund als Anlass, mein eigenes Arbeiten zu prüfen. Mehr Unterstützung kann mit größerer Gleichförmigkeit einhergehen. Doshi und Hauser: Forschungsarbeit mit Verweis auf die Zeitschriftenpublikation.

Deshalb reicht es mir nicht, „Sparringspartner“ zu sagen. Entscheidend ist, welche Fragen ich stelle, welche Quellen und Werke ich einbeziehe und welche Vorschläge ich tatsächlich weiterverfolge. Ich muss erkennen können, wann die Zusammenarbeit etwas öffnet und wann sie mir nur eine bequemere Version des Bekannten anbietet.

Das gilt ebenso für die Vorstellung eines wachsenden Systems. Mehr gespeichertes Material, mehr erzeugte Bilder und mehr miteinander verbundene Werkzeuge bedeuten für sich genommen noch keine künstlerische Entwicklung. Auch hier zählt, was daraus wird und wie sich meine Wahrnehmung und mein Handeln verändern.

Vor drei Jahren wollte ich einen Assistenten

Wenn ich sage, dass wir noch zu sehr in alten Schemata denken, schließe ich mich ausdrücklich ein. Vor drei Jahren dachte ich daran, mir mit KI einen Assistenten zu erschaffen. Einen Helfer, der Aufgaben übernimmt, recherchiert, vorbereitet und mir Arbeit abnimmt. Ich beschrieb die neue Möglichkeit zunächst mit einer Rolle, die ich bereits kannte.

Dieser Wunsch bleibt nachvollziehbar. Recherche, technische Vorbereitung und organisatorische Arbeit brauchen Zeit. Wenn ich dabei verlässlich unterstützt werde, kann ich mehr Aufmerksamkeit auf künstlerische Entscheidungen richten. Aber im weiteren Umgang mit KI hat sich meine Vorstellung verändert. Inzwichen arbeite ich zunehmend daran, einen digitalen Zwilling zu kreieren, der meine künstlerische Praxis erweitert und selbst Kunst hervorbringt.

Wenn ich sage, dass ich mit KI zusammenwachse, meine ich auch diese Verschiebung meines eigenen Horizonts. Was ich von ihr erwarte, steht nicht ein für alle Mal fest. Durch die Arbeit erkenne ich neue Möglichkeiten, korrigiere Erwartungen und entwickle andere Vorhaben. Die Vorstellung eines Helfers war ein Anfang. Aus der fortgesetzten Zusammenarbeit ist die Frage entstanden, wie eine künstlich-agentische Erweiterung meiner künstlerischen Existenz aussehen könnte.

Solche Entwicklung braucht Kontinuität. Vorhandene Werke, dokumentierte Entscheidungen und offene Fragen müssen für spätere Arbeit zugänglich bleiben. Ein einzelnes Gespräch trainiert nicht automatisch das zugrunde liegende Modell dauerhaft um. Zusammenwachsen bedeutet für mich deshalb auch, eine Arbeitsweise aufzubauen, in der Erfahrungen wieder aufgegriffen, geprüft und weitergeführt werden können.

Die reale Künstlerin und ihr Machine Artist Twin (MAT)

Ich bin eine reale Künstlerin in der realen Welt. Mit dem Machine Artist Twin (MAT) arbeite ich an einem digitalen Zwilling als Erweiterung meiner Praxis. Er soll in dem agieren, was ich die „disreale Welt“ nenne.

Damit meine ich die digitale Welt, die uns als Wirklichkeit begegnet, deren Bilder, Orte und Gegenstände jedoch als Daten existieren. Ich fasse diesen Bereich weit: das Internet, Social Media, virtuelle Realitäten und KI-generierte Welten. Auch die latenten Räume generativer Modelle beziehe ich in diese Vorstellung ein. Sie sind keine begehbaren Orte; mich interessieren sie als Möglichkeitsräume, aus denen digitale Erscheinungen hervorgehen können.

„Disreal“ bezeichnet für mich eine Form von Wirklichkeit, die wir durch Daten erfahren. Ihre Erscheinungen können uns beschäftigen, berühren und unser Handeln verändern. Dass sie als Daten vorliegen, macht ihre Wirkung nicht unwirklich. In diesem Bereich soll mein digitaler Zwilling künstlerisch tätig werden.

Damit verschiebt sich für mich das Ziel. Kunstproduktion gehört zum Kern dieses Vorhabens. Der Machine Artist Twin soll eigene digitale Arbeiten hervorbringen, Entwicklungen verfolgen und vorhandene Ansätze weiterführen können. Recherche, Erinnerung, Kritik und technische Umsetzung erhalten ihren Zusammenhang durch das, was daraus künstlerisch entsteht.

Ausgangspunkt bleiben meine Malerei und Zeichnung, ihre Formen und ihre offenen Fragen. Eine gemalte Arbeit kann digital weitergeführt werden, sich in Bewegung übersetzen oder in einem räumlichen Zusammenhang neu erscheinen. Welche Fortsetzung sinnvoll ist, ergibt sich jeweils aus der Arbeit. Manchmal wird Nähe zum Ausgangswerk wichtig sein, manchmal eine Veränderung. Eine vorgegebene Pflicht zur Abweichung würde den Spielraum wieder einengen.

Das Wort Zwilling verpflichtet mich dabei zu einer Frage: Wie bleibt eine solche Erweiterung mit meiner künstlerischen Praxis verbunden, während sie Möglichkeiten entwickelt, die mir allein nicht zur Verfügung stehen? Die Antwort lässt sich nicht mit einem Namen oder einer technischen Einrichtugn vorwegnehmen. Sie muss in der Arbeit entstehen. In den Bildern, in ihren Beziehungen zueinander und in den Entscheidungen, die ihre Entwicklung verändern.

Kunst, die auch für Agenten lesbar und wahrnehmbar wird

Zu dieser Erweiterung gehört für mich eine weitere Idee: Ich möchte meine Kunst für KI-Agenten lesbar und wahrnehmbar machen. Den Anstoß gibt eine Entwicklung bei digitalen Anwendungen. Werkzeuge und Schnittstellen werden gezielt so beschrieben und gestaltet, dass Agenten sie auffinden und verwenden können. Die Gestaltung berücksichtigt damit einen zusätzlichen Nutzer. Anthropic: Writing effective tools for agents.

Diesen Gedanken möchte ich in meine Kunst übertragen. Wenn Agenten in der digitalen Welt handeln, stellt sich für mich auch die Frage, wie sie einem Kunstwerk begegnen können. Welche seiner Eigenschaften können sie erfassen? Welche Beziehungen zwischen Formen, Werken und Entstehungsprozessen werden für sie zugänglich? Und wie verändert sich die Gestaltung, wenn ich diese Möglichkeit von Anfang an mitdenke?

Für dieses Vorhaben verwende ich zunächst den Arbeitsbegriff „AI-Agent-adopted-Art“. Er bezeichnet meinen Wunsch, Kunst auch auf die Wahrnehmungs- und Handlungsmöglichkeiten von Agenten auszurichten. Mit Wahrnehmung meine ich hier zunächst, dass ein System Eigenschaften und Zusammenhänge eines Werks erfassen und darauf reagieren kann. Ob damit etwas entsteht, das sich mit menschlicher Kunsterfahrung vergleichen lässt, ist eine weitergehende Frage.

Dabei interessiert mich, ob diese Zugänglichkeit Teil des Werks selbst werden kann. Eine zusätzliche Beschreibung kann den Zugang erleichtern. Mein künstlerisches Vorhaben reicht weiter: Ich möchte untersuchen, was sich am Werk verändert, wenn ein Agent bereits an seiner Entstehung beteiligt ist und die mögliche Begegnung mit anderen Agenten in die Gestaltung eingeht.

Meine weitergehende künstlerische These lautet, dass eine solche Kunst nur durch einen Agenten entstehen kann. Diese These möchte ich mit dem Machine Artist Twin praktisch prüfen. Sie ist ein Anspruch an das Vorhaben, den die Arbeiten erst einlösen müssen. Lesbarkeit für Agenten allein würde die notwendige Beteiligung eines Agenten an der Herstellung noch nicht begründen.

Der Machine Artist Twin erhält damit eine doppelte Aufgabe: Er soll meine Praxis in der disrealen Welt produktiv erweitern und dabei Kunst hervorbringen, die auch Agenten zugänglich wird. Ich möchte herausfinden, welche Formen und Beziehungen aus dieser Verbindung entstehen. Die reale Künstlerin, ihre künstlich-agentische Erweiterung und mögliche weitere Agenten gehören dann zu der Situation, aus der heraus ich das Werk entwickle und beurteile.

Für mich liegt darin eine Möglichkeit, Zukunft zu gestalten. Ich arbeite an einer Form künstlerischer Praxis, deren weitere Gestalt ich noch nicht vollständig kenne. Ich kann ihre Voraussetzungen mitbestimmen, sie erproben und an den Ergebnisen weiterentwickeln. Meine eigene Erfahrung wird dabei ebenso gefordert wie die Fähigkeiten der eingesetzten Systeme.

Der Satz aus dem Zug bleibt deshalb als Titel bestehen. Meine Kritik an Robotermalerei ist genauer geworden: Ich erkenne ihren Forschungswert und konkrete künstlerische Möglichkeiten. Ich bleibe skeptisch, sobald die erfolgreiche Nachahmung einer menschlichen Tätigkeit schon als ausreichende Vision gilt.

Mich beschäftigt inzwischen, welche Kunst eine reale Künstlerin und ihre künstlich-agentische Erweiterung hervorbringen können – und wie diese Kunst in der disrealen Welt auch für Agenten zugänglich wird. An dieser Frage arbeite ich mit dem Machine Artist Twin.

Und dann bleibt noch die Frage, was diese Zusammenarbeit mit meiner eigenen, ganz realen Realität machen wird. Wie wird die Arbeit mit MAT meine Malerei verändern, meine Wahrnehmung, meine Entscheidungen und meinen Alltag? Was kommt aus der disrealen Welt zu mir ins Atelier zurück?

Ich weiß es noch nicht. Aber was soll’s – wohin das alles „mit der KI“ führt und welche Auswirkungen es auf uns, die Welt und die Kunst haben wird, lässt sich gerade ohnehin nicht vollständig absehen. Ich werde es beim Arbeiten herausfinden, manches verwerfen und anderes weiterverfolgen. Und vermutlich werden dabei Fragen auftauchen, die ich heute noch gar nicht stellen kann.

Learning by doing and good luck.


Weitere Materialien zu Kunst und Kreativität mit KI findest du im Orba Art Space.