Der nächste Clip entsteht schon, während du den letzten noch anschaust. Und während du überlegst, ob dich das überhaupt interessiert, kommt der übernächste.

So ungefähr sieht eine Zukunft aus, auf die wir gerade zusteuern. Bilder, Geschichten und kleine Sensationen werden auf Bestellung erzeugt, im laufenden Betrieb. Irgendwo sitzt ein Mensch davor. Mit einem Tag, der weiterhin nur vierundzwanzig Stunden hat.

Eine kleine Probe darauf war Infinite Slop. Pieter Levels stellte das Projekt als endlosen, interaktiven KI-Videostream vor: Das Publikum konnte im Chat schreiben, was es sehen wollte, und die KI sollte daraus den nächsten Clip erzeugen. Auch der Anschluss an die vorherige Szene gehörte zum Versprechen. Levels beschrieb den Betrieb als teuer; fal.ai unterstützte das Experiment als Sponsor. Hier seine Ankündigung.

Inzwischen meldet die Seite das Ende des Experiments und verweist für weitere Live-KI-Angebote auf FAL.live. Für mich ist das eine frühe Probe auf etwas, von dem wir mehr sehen werden. Wenn die Erzeugung schneller und günstiger wird, dürfte auch der Nachschub wachsen. Die technische Möglichkeit ist da. Die Frage nach unserem Appetit bleibt offen.

Es wird weiter serviert

Ein Film hat einen Abspann. Ein Buch eine letzte Seite. Auch eine Serie ist irgendwann zu Ende, zumindest bis zur nächsten Staffel. Solche Grenzen geben uns einen Moment, in dem wir entscheiden können: War gut. Reicht für heute.

Ein fortlaufend erzeugter Bilderstrom kann diese Grenze immer weiter verschieben. Was du gerade siehst, braucht kein fertiges Werk mehr zu sein. Es kann ein Zwischenstand sein, an den sofort etwas anschließt. Dein Wunsch liefert den Anlass für die nächste Szene.

Das hat seinen Reiz. Eine absurde Idee eingeben und sehen, was daraus wird. Gemeinsam mit anderen eine Geschichte in eine unmögliche Richtung schicken. Ein bisschen staunen über eine Technik, die vor Kurzem noch kaum vorstellbar war.

Aber irgendwann steht neben der Begeisterung eine ziemlich einfache Frage: Wie viel davon wollen wir eigentlich anschauen?

Beim Essen kennen wir die Situation. Es ist noch etwas da. Es sieht gut aus, riecht gut, ist schnell zu haben. Dass es angeboten wird, beantwortet allerdings noch nicht die Frage, ob wir Hunger haben.

Im Netz wird diese Unterscheidung zu einer täglichen Aufgabe. Wir können weiterkonsumieren, weil ständig etwas bereitsteht. Der Nachschub erkundigt sich nicht danach, ob wir schon genug haben.

Fast Food für die Aufmerksamkeit

Fast Food ist bequem. Schnell verfügbar, leicht zu essen, mit einem kräftigen Geschmack. Ähnlich funktionieren viele kleine Portionen im Feed: sofort verständlich, überraschend, komisch, empörend oder schön. Etwas, an dem die Aufmerksamkeit kurz hängenbleibt.

Der Vergleich hat für mich vor allem mit den Bedingungen zu tun, unter denen wir zugreifen. Zwischen Impuls und nächster Portion liegt kaum eine Pause. Und wenn Inhalte erst während des Anschauens entstehen, lässt sich sogar der Nachschub mitbestellen.

So wird aus Fast Food eine Fast-World. Eine Welt, die schneller neue Ansichten von sich erzeugen kann, als wir sie einordnen. Kaum ist etwas aufgetaucht, wird es schon von der nächsten Variante abgelöst.

Unser Kopf bekommt dadurch keinen längeren Tag. Ein Bild anzusehen, einen Gedanken zu verfolgen oder eine Geschichte nachwirken zu lassen, braucht weiterhin Zeit. Eine Pointe muss erst einmal landen. Bei einer schönen Szene möchte man vielleicht länger bleiben, als es bis zum nächsten Wechsel dauert.

Wer beim Essen schon nach dem nächsten Bissen greift, bevor er den vorigen überhaupt geschmeckt hat, kann eine Menge verzehren. Ob es ein gutes Essen war, ist eine andere Frage.

Wer soll das alles konsumieren?

Natürlich muss niemand alles anschauen. Das konnte auch vor der generativen KI schon niemand. Bücher, Filme, Musik und Bilder gab es längst in einer Fülle, die jedes einzelne Leben übersteigt.

Neu ist, wie unmittelbar aus einer Eingabe ein weiteres Angebot werden kann. Produktion und Konsum rücken zusammen. Du schaust und bestellst gleichzeitig nach.

Die Neugier kann dabei immer einen Schritt vorauslaufen. Was passiert, wenn ich noch diesen Wunsch eingebe? Wie wird die nächste Szene aussehen? Lässt sich das noch absurder, schöner, verrückter machen?

Es gibt darauf keine letzte Antwort. Deshalb muss irgendwann eine Entscheidung von unserer Seite kommen.

Warum schaue ich eigentlich noch?

Weil es mich unterhält? Weil ich etwas entdecken will? Weil das gemeinsame Spiel gerade gut ist? Das sind gute Gründe. Vielleicht ist aber auch nur die Erwartung übrig geblieben, dass gleich etwas kommen könnte, das sich mehr lohnt als alles davor.

Dann verbringen wir unsere Zeit mit der Aussicht auf ein Erlebnis. Das Erlebnis selbst rückt mit jedem neuen Clip ein Stück weiter.

Was in dieser Zeit sonst möglich wäre

Hier beginnt für mich die Frage nach menschlichem Potenzial. Wir können uns etwas ausdenken, selbst etwas gestalten, uns in eine Sache vertiefen. Wir können auch einfach dasitzen und einen Gedanken zu Ende kommen lassen.

All das braucht Zeit, die sich nicht beliebig vermehren lässt.

Eine Stunde Unterhaltung muss sich dabei vor niemandem rechtfertigen. Auch ein albernes Video darf reichen. Menschen brauchen keine lückenlose Bilanz darüber, wie sinnvoll jede freie Minute gewesen ist.

Es lohnt sich aber, den Unterschied zu bemerken zwischen einer Stunde, die man sich ausgesucht hat, und einer Stunde, die beim Warten auf das nächste interessante Stück vergangen ist.

Wenn eine Technik uns immer mehr Möglichkeiten eröffnet, wäre es seltsam, wenn wir darüber immer weniger Gelegenheit hätten, selbst etwas mit diesen Möglichkeiten anzufangen. Gerade die gewonnene Freiheit verdient eine bewusstere Auswahl.

Den eigenen Geschmack wieder bemerken

Wir haben gelernt, uns Gedanken über Ernährung zu machen. Was essen wir, wie viel davon, unter welchen Bedingungen? Für viele von uns gehört zur alltäglichen Fülle auch die Aufgabe, auszusuchen und rechtzeitig aufzuhören.

Mit Bildern, Nachrichten und Unterhaltung wird es ähnlich. Wir müssen genauer wahrnehmen, was wir aufnehmen und was davon bleibt.

Das beginnt ganz unspektakulär. Ein Video zu Ende anschauen, ohne schon das nächste zu suchen. Bei einem Bild bleiben, das etwas auslöst. Nach einem Beitrag kurz innehalten. Sich fragen, ob man gerade wirklich weitermachen möchte.

Auch ein Ende lässt sich selbst setzen: diese Folge, diese halbe Stunde, diese kleine Auswahl. Autoplay ausschalten, wo es geht. Etwas schließen, obwohl noch Neues da wäre. Der Vorrat darf größer bleiben als der eigene Appetit.

Und das betrifft ebenso diejenigen, die Inhalte herstellen. Gerade mit KI wird die Entscheidung wichtiger, welche Ergebnisse es verdienen, ausgewählt, weiterbearbeitet und gezeigt zu werden. Jede weitere Variante verlangt später womöglich die Zeit eines anderen Menschen.

Auch Anbieter können dabei helfen: mit erkennbaren Pausen, einfachen Ausstiegen und Einstellungen, die unsere Entscheidung respektieren. Ich bezweifle allerdings, dass sie es tun werden.

Du darfst etwas übrig lassen

Die Fast-World wird vermutlich noch sehr viel auftischen. Faszinierendes, Nützliches, Großartiges und reichlich Zeug, das nach wenigen Sekunden vergessen ist. Wir werden unseren Umgang damit entwickeln müssen, während das Angebot weiterwächst.

Vielleicht gehört dazu, den eigenen Geschmack ernster zu nehmen. Sich Zeit für etwas zu lassen, das man wirklich sehen möchte. Auch einmal festzustellen: Das hier gibt mir gerade genug. Oder: Heute möchte ich selbst etwas machen.

Du kannst den Überfluss nicht aufessen. Such dir etwas aus. Nimm dir Zeit dafür. Und wenn du genug hast, lass den Rest stehen.

Lass es dir schmecken.


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