Irgendwann fragt sich das fast jede Künstlerin: Wie werde ich eigentlich berühmt? Und manchmal, leiser, noch etwas anderes — wie bleibe ich?

Das sind zwei verschiedene Wünsche. Berühmt sein heißt: gesehen werden, jetzt. Bleiben heißt: noch da sein, wenn man selbst längst nicht mehr da ist. Merk dir die beiden. Am Ende kommen sie zurück.

Denn für beide Wünsche gab es immer einen Weg. Nur war es nie derselbe.

Wie man früher berühmt wurde

Vor ein paar hundert Jahren war der Weg kurz und teuer. Du brauchtest einen Mäzen — einen Herzog, einen Bischof, einen König. Er wählte, er zahlte, er bestimmte, was gemalt wurde. An seiner Wand wurdest du groß. Ruhm war eine Frage der Gunst.

Dann kam der Salon. Die Akademie. Eine Jury entschied, was hängt und was draußen bleibt. Und langsam schob sich ein neuer Spieler ins Bild: der Markt. Händler, Sammler, Preise. Nicht mehr nur der Fürst — jetzt auch das Geld.

Und dann brach alles auf. Die Moderne pfiff auf Akademie und Salon. Die Avantgarde machte sich ihren eigenen Weg: Galerien, Manifeste, der gut kalkulierte Skandal. Berühmt wurde, wer die Regeln brach — und jemanden fand, der das laut genug fand.

Im 20. Jahrhundert übernahmen die Institutionen. Museen, Kritiker, Zeitschriften, das Fernsehen. Ein Kanon entstand. Kuratiert, von Menschen, mit Namen und mit Geschmack.

Und heute? Heute zählt Aufmerksamkeit. Reichweite. Wer gesehen wird, existiert; wer scrollt, vergisst. Der Algorithmus ist der neue Salon.

Du siehst das Muster. Jede Zeit hatte ihren eigenen Weg zum Ruhm — ihre eigene Strategie, ihre eigenen Türsteher. Mal der Fürst, mal der Markt, mal das Museum, mal die Plattform. Der Weg hat sich immer wieder verschoben.

Und jetzt verschiebt er sich wieder. Diesmal radikaler.

Die neue Zeit: Ruhm wird nicht entschieden, sondern gemessen

Zum ersten Mal wird Berühmtheit nicht von jemandem zugesprochen. Sie wird gemessen. Statistisch. Von einer Maschine.

Eine Seite namens In the Weights macht das sichtbar. Zwei frühere OpenAI-Leute, Joey Flynn und Thomas Dimson, haben sie im Juni gebaut. Du tippst einen Namen ein — und bekommst eine Zahl.

Die weights, die Gewichte: Das sind die Milliarden Zahlen, aus denen das Gehirn einer KI besteht. Alles, was ein Modell „weiß“, steckt da drin. Die Seite fragt rund ein Dutzend Modelle dasselbe — Wer ist dieser Mensch? — aber ohne Internet. Ohne Nachschlagen. Nur aus dem Gedächtnis.

Das ist der ganze Trick. Nicht: Was findet Google über dich. Sondern: Was weiß die Maschine auswendig.

Stell dir ein Dutzend sehr belesene Menschen vor, die frei über dich erzählen sollen, ohne zu googeln. Bei manchen Namen sprudelt es. Bei den meisten von uns: ein Achselzucken, eine Verwechslung, Schweigen.

Und je kleiner das Modell ist, das dich noch kennt, desto tiefer bist du eingeschrieben. Tauchst du sogar in einem winzigen Modell auf, dann bist du wirklich drin. Eingebrannt.

Am Ende steht eine Punktzahl, der Strength Score, von null bis 996. Das Maximum erreichen nur die ganz Großen — Picasso und Leonardo etwa stehen bei 996. Die meisten Menschen dagegen liegen bei null — über die allermeisten von uns steht schlicht nicht genug geschrieben.

Wer ganz oben steht – und wer fehlt

Hier wurde es für mich interessant. Die Seite ist schlicht, fast wie eine Bestenliste im Sport: Namen untereinander, daneben eine Zahl. Oben zwei Schalter, Today und All Time, dazu ein Menü für die Bereiche — Sport, Politik, Kunst. Ich ging natürlich zu Arts.

Auf All Time standen die Meister, die man erwartet: Picasso und Leonardo da Vinci ganz oben, beide am Anschlag bei 996, dahinter Van Gogh und Rembrandt. So weit, so beruhigend. Dann schaltete ich auf Today, auf die Namen, die gerade gesucht und hochgespült werden — und die Liste kippte. Plötzlich führte ein deutscher Grafikdesigner: Otl Aicher, mit 956. Dahinter ein „Simulation Artist“, ein Modedesigner, ein schwedischer Designforscher, ein Klangtheoretiker. Lauter Namen, die ich nie gehört hatte. Und kein einziger der großen Maler. Zwei Klicks, zwei völlig verschiedene Kunstgeschichten.

Und ganz oben auf der Tagesliste über alle Bereiche stand weder Maler noch Komponist, sondern Sir Tim Berners-Lee — der Mann, der das World Wide Web erfunden hat. Das Netz erinnert sich an den, der es gebaut hat.

Ein Name blieb mir besonders hängen, weit oben in den Listen, als ich suchte: Thomas Kinkade. „Painter of Light“ nennt er sich — Massenware für die einen, Kitsch für die anderen. Und trotzdem stand er da, höher als Namen aus jedem Kunstbuch.

Warum? Weil die Gewichte nicht messen, wer gut ist. Sie messen, über wen geschrieben wird.

Ein Grafikdesigner, über den jede Hochschule Seminare hält. Ein Kinkade, der in Millionen Wohnzimmern hängt — verkauft, besprochen, verehrt, verspottet. Beide hinterlassen Text, viel Text. Und genau das frisst die Maschine: Text. Nicht Qualität. Nicht Schönheit. Sprache.

Die Maschine liebt nicht das Bild. Sie liebt das Wort über das Bild.

Erinnerst du dich an die zwei Wünsche vom Anfang? Berühmt sein — und bleiben? Die Maschine kennt den Unterschied nicht. Sie sieht keinen Glanz und keine Dauer, nur Masse — wie viel Text ein Name hinterlässt. Ein Star von heute und ein Meister von vor fünfhundert Jahren können am selben Anschlag stehen, sobald genug über sie geschrieben wurde. Lärm und Nachhall, für die Gewichte dieselbe Zahl.

Ein Spiegel mit Flecken

Man darf das nicht zu ernst nehmen. Ein Kritiker hat trocken angemerkt: Im Grunde fragst du dreizehn Chatbots dieselbe Frage, mehr ist es nicht. Stimmt. Die Modelle halluzinieren, verwechseln, dichten Biografien dazu. Häufige Namen schneiden schlechter ab. Ein Tippfehler drückt den Wert.

Es ist ein Spiegel, ja. Aber einer mit Flecken.

Und trotzdem ist es das erste Mal, dass du nachschauen kannst, wie Maschinen dich sehen.

Übrigens: Mich kennt die Maschine nicht. Aber ich bin ja auch nicht berühmt — noch nicht? 😉 Ich weiß auch gar nicht, ob es wirklich wichtig ist, berühmt zu sein. Als junger Mensch habe ich vielleicht davon geträumt. Heute weiß ich nicht, ob es sich lohnt, ob der Kampf es noch wert ist. Wir sind zehn Milliarden, und nix ist für die Ewigkeit. Immerhin gibt es ein Musikinstrument, das ORBA heißt.

Das ist wirklich neu. So etwas hat es noch nie gegeben — die Menschheit kennt das gar nicht. Milliarden Zahlen, in denen abgelagert ist, wer wichtig war und wer nicht; und für so große Mengen hat kein Mensch ein Gefühl. Und doch fangen diese Zahlen an zu sprechen. Über uns. Über das, was bleibt.

Und das ist, wenn man so will, eine Chance.

Denn immer mehr Menschen fragen nicht mehr Google, sondern die KI: Wer ist diese Künstlerin? Was die Maschine dann auswendig antwortet, wird der erste Eindruck sein — noch bevor irgendwer dein Bild gesehen hat. Wer in den Gewichten steht, kommt in diesen Gesprächen vor. Wer fehlt, kommt gar nicht erst vor.

Du kannst etwas tun. Nicht tricksen — schreiben. Geschrieben werden. Dafür sorgen, dass deine Fakten in der Welt aus Text auffindbar und richtig sind. Nicht um die Maschine zu täuschen. Sondern damit sie dich, falls sie dich kennt, nicht mit jemand anderem verwechselt.

Was das für uns alle heißt

Das gilt längst nicht nur für die Kunst. In diese Gewichte geht alles ein — Politik, Sport, Wissenschaft, die Frau aus dem Nachbarort, die einmal in der Zeitung stand. Ein neues kollektives Gedächtnis entsteht, lautlos, im Hintergrund jeder Antwort. Niemand hat es gewählt. Es wird einfach errechnet.

Für alle, die etwas machen — die tanzen, schreiben, komponieren, bauen —, heißt das: Dein Ruf wird langsam auch zu einer Zahl in einem Modell. Ein Teil von dir lebt jetzt als Text über dich. Oder lebt eben nicht.

Und für die Malerei wird es fast bitter komisch. Denn Malerei ist die wortärmste Kunst, die es gibt. Ein Bild erklärt sich nicht. Es schreibt sich nicht selbst in die Gewichte. Es hängt da, schweigt und wartet auf ein Auge. Genau das, was es stark macht — dass es ohne Sprache auskommt —, macht es für die Maschine fast unsichtbar. Nicht weil es schwach wäre. Sondern weil es keine Worte verliert.

Was bleibt

Vielleicht kehrt die alte Frage also zurück, nur umgedreht. Nicht mehr: Wie werde ich berühmt? Sondern: Wovon will ich, dass es bleibt — vom Gerede über mich oder von dem, was ich gemacht habe?

Die Gewichte zählen das Erste. Das Zweite passiert weiter im echten Leben — von Mensch zu Mensch, ohne Bildschirm dazwischen. Ein Bild trifft jemanden, der davorsteht, und für einen Moment ist da niemand sonst. Manchmal mitten in einem vollen Raum, manchmal in der eigenen Einsamkeit. Das lässt sich nicht messen. Keine Maschine war dabei.

Tipp ruhig deinen Namen ein, auf intheweights.com. Nicht um dich zu vermessen. Sondern um zu sehen, was die Maschine über dich erzählt — und ob es stimmt. Und dann geh zurück an die Arbeit.

Ein Bild braucht kein Modell, das sich an es erinnert. Es braucht ein Auge, das es sieht, und einen Geist, der es wahrnimmt.


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