Midjourney, berühmt für künstliche Traumwelten, surreale Landschaften und makellose Bildoberflächen, hat diese Woche einen Bodyscanner vorgestellt. An dem Ankündigungsvideo bin ich echt hängengeblieben: eine gigantische, beeindruckende Maschine, ein nackter Mensch steigt hinein – und das soll Midjourney sein?
Eine Firma, die bisher KI-Bilder von Dingen erzeugte, die es nie gegeben hat, will jetzt Menschen scannen und Bilder von etwas machen, das absolut real ist und das wir mit eigenen Augen nie sehen: unser Inneres.
Wow.
Das klingt erst mal total surreal. Wie soll das zusammenpassen? Was haben diese künstlichen Welten plötzlich mit echtem, realem Leben zu tun? Und was mit uns als Künstler:innen?
Was ist da überhaupt los?
Ein Ring aus Wasser, 60 Sekunden, ein Bild deines Inneren
Erst die Fakten, denn sie sind verrückt genug. Der Mensch wird auf einer Plattform in einen flachen, wassergefüllten Ring abgesenkt. Rundherum sitzen rund eine halbe Million Ultraschallsensoren. Sie feuern Schallwellen aus allen Winkeln durch den Körper, ein Rechencluster setzt die Echos zu einem dreidimensionalen Bild aus Muskel, Fett, Knochen und Organen zusammen. Dauer: etwa 60 Sekunden. Keine Strahlung, keine Magnete. Midjourney nennt das Verfahren „Ultrasonic CT“.
Ach ja, übrigens: Das soll gar kein Krankenhausgerät werden, sondern eine Spa-Anwendung. Fast schon lustig: Hot Tub, Sauna, Eisbad, und nebenan der Scanner. Die erste Station ist in San Francisco für 2027 geplant.
Wobei die „Spa“-Benennung hier wahrscheinlich eine sehr schlaue Strategie ist. Als Wellness verkauft, muss so ein Scan nicht die Hürden nehmen, die für ein medizinisches Diagnosegerät gelten. So etwas lässt sich technisch weiterentwickeln, verfeinern, irgendwann zertifizieren – eine Frage der Zeit, nicht des Prinzips. Und ehrlich gesagt ist das gerade gar nicht das Spannende.
Spannend wird es, wenn wir die Maschine gedanklich beiseiteschieben und fragen: Was hat das mit uns zu tun? Mit allen, die Midjourney bisher geöffnet haben, um Fantasiewelten, Stimmungen, Traumbilder zu erzeugen?
Denn hier passiert etwas Feines. Dieselbe Firma, dasselbe Grundprinzip – und ein ganz anderes Ziel. Das Werkzeug soll nicht länger etwas Schönes erfinden, sondern etwas Wahres zeigen. Aus dem Bild, das gefallen will, wird ein Bild, das etwas sichtbar macht.
Und das betrifft uns alle, die heute mit generativen Bildern arbeiten. Plötzlich geht es nicht mehr um die Frage, wie ich das mache, dass es schön aussieht, sondern um was ich damit sichtbar machen will.
Diesem Gedanken gehen wir jetzt nach.
„Das Unsichtbare sichtbar machen“
Es scheint nur auf den ersten Blick so, als ob Midjourney damit die Kunst und die generativen Bilder komplett verlässt.
Tatsächlich bleibt die Firma exakt bei ihrem Thema: Wie entsteht aus unsichtbaren Informationen ein Bild?
Bisher waren diese Informationen Wörter, Vorstellungen, statistische Zusammenhänge. Jetzt sind es Schallwellen, Körpergewebe, Messdaten. In beiden Fällen passiert dasselbe: Etwas ohne sichtbare Gestalt wird in eine Form übersetzt, die wir betrachten, vergleichen, deuten können.
Viele Künstler:innen sagen ja gern, unsere Aufgabe sei es, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Der Satz ist so oft gefallen, dass er fast wie eine Floskel klingt. Bei diesem Scanner wird er auf einmal ganz wörtlich.
Und genau da öffnet sich die größere Frage.
Wozu sind Bilder eigentlich da?
Wir reden über Bilder erstaunlich oft so, als wäre ihre wichtigste Aufgabe, gut auszusehen. Wir bewerten Schönheit, Harmonie, Originalität, technische Qualität, die Wirkung im Raum.
Vielleicht verwechseln wir Kunst dabei häufiger mit Dekoration, als uns lieb ist.
Dekoration hat ihr volles Recht. Sie ordnet Räume, schafft Atmosphäre, verändert ein Lebensgefühl im Handumdrehen. Und ja – auch Kunst darf schön sein, sinnlich, farbig, angenehm. Die sichtbare Erscheinung gehört zu ihrer Kraft.
Doch Bilder waren nie nur Schmuck.
Bilder sind auch Werkzeuge des Verstehens
Lange bevor jemand von künstlicher Intelligenz sprach, dienten Bilder der Erkenntnis. In Medizin, Biologie, Astronomie, Geografie werden Phänomene durch Bilder überhaupt erst fassbar:
- Mikroskope zeigen Strukturen, die kein Auge erkennt.
- Teleskope übersetzen Strahlung in sichtbare Darstellungen.
- Landkarten verwandeln Raum in Flächen, Linien, Zeichen.
Das Bild ist hier das Instrument, das uns hilft, etwas überhaupt zu begreifen.
Und es kann noch etwas, das Sprache nicht kann.
Was ein Bild kann und ein Text nicht
Sprache entfaltet sich nacheinander. Ein Wort nach dem anderen, ein Satz auf dem vorigen. Ein Bild erscheint gleichzeitig. Beziehungen, Spannungen, Größenverhältnisse, Farben, Leerstellen – alles ist im selben Augenblick da.
Deshalb fasst ein Bild Dinge, die sich sprachlich kaum zerlegen lassen: einen körperlichen Zustand, eine Atmosphäre, eine Erinnerung, eine diffuse Angst, eine Ahnung, eine noch unfertige Vorstellung. Es öffnet einen Raum, in dem Wahrnehmung und Denken zusammenarbeiten.
Womit wir wieder beim Scanner wären.
Ein Scan spricht nicht von allein
Denn ein medizinisches Bild redet nicht von selbst. Es muss gelesen werden. Erst Erfahrung, Vorwissen, Vergleich und Kontext machen aus sichtbaren Strukturen eine Bedeutung. Ein 60-Sekunden-Scan im Spa ist erst einmal nur ein Bild. Was es heißt, entscheidet, wer es liest und ob er/sie es lesen kann. Ein schönes 3D-Modell des eigenen Körpers ist vielleicht sehr interessant für einen selber zu betrachten, aber ohne fachkundige Deutung können wir kaum richtige Schlüsse daraus ziehen. Und so ist es auch mit der Kunst. Was hier einen Wert darstellt, ist auch nicht allein von der Oberfläche ablesbar.
Ein Werk ist mehr als seine Oberfläche – und seine Bedeutung liegt trotzdem nicht außerhalb von ihr. Sie entsteht durch Farbe, Form, Material, Maßstab, Rhythmus und Bruch. Durch die Entscheidungen der Künstlerin. Durch den Zusammenhang, in dem das Werk auftaucht.
Darum lässt sich die Bedeutung eines Bildes nicht immer in einen erklärenden Satz übersetzen. Könnte man alles, was ein Werk trägt, restlos in Worte fassen – wäre das Bild überflüssig.
Welche Rolle spielt dabei nun die KI?
Die generative KI zwingt uns, das schärfer zu durchdenken als je zuvor.
Noch nie ließen sich so schnell so viele visuell beeindruckende (im guten sowie im schlechten Sinne) Bilder herstellen. Schönheit, Dramatik, Stil, technische Perfektion – auf Knopfdruck, in beliebigen Varianten. Das ist faszinierend. Oder diese massenweise Slop mit der gesamten Dummheit und Ekelhaftigkeit, das ist ebenfalls faszinierend.
Das alles verändert auch unseren Blick. Was wir sehen können. Und wie wir darüber denken.
Was ist nun die Verbindung
Beide erzeugen Bilder, um etwas zugänglich zu machen, das unserem unmittelbaren Blick entzogen ist.
Der Scanner richtet sich in den Körper.
Kunst richtet sich in den Menschen, in die Gesellschaft, in die Erinnerung, in noch unbekannte Vorstellungen.
Midjourney, die Firma der künstlichen Bildwelten, will jetzt buchstäblich unter die Oberfläche schauen.
Für die Kunst ist das auch keine schlechte Richtung.
Und ehrlich: Dass ausgerechnet das Werkzeug, das man als Lieferant „dummer KI-Bilder“ abgetan hat, plötzlich dorthin zielt, wo Bilder Erkenntnis stiften – das ist eine der spannendsten Wendungen, die diese Technologie bisher genommen hat.
Wenn sich die Flutwelle des KI-Slops gelegt hat, werden aus dem Rauschen jene Schätze auftauchen, die unsere Kultur wirklich weiterbringen.
So bleibt die Kompetenz, die Bilder zu lesen und die Bedeutung, die Inhalte und den Sinn der Bilder zu erkennen, nach wie vor unser Job. Der Job der Künstler besteht dementsprechend darin, die richtige Bedeutung in die Bilder einzupacken, so dass sie lesbar sind und die Bedeutungen transportiert werden, die man mitteilen möchte.
Das Innere
Das Körperinnere war in der Kunst nie wirklich ein großes Thema. Und wo es vorkam, hatte es fast immer mit Sterblichkeit und Ekel zu tun — die Vanitas, das anatomische Bild, der geöffnete Leib als Mahnung, dass wir vergänglich sind.
Und jetzt ausgerechnet Midjourney. Und ausgerechnet für ein Spa. Auf den ersten Blick sieht das aus wie das genaue Gegenteil: das Innere als Wohlfühlbild, als schöne Oberfläche.
Vielleicht steckt aber gerade darin die ernstere Frage. Vielleicht geht es überhaupt nicht um Schönheit — jedenfalls nicht in dem Sinn, in dem wir das Wort sonst meinen. Oder vielleicht verändert sich mit der Zeit einfach unsere Wahrnehmung, und wir lernen gerade, auch Organe und Gewebe als etwas Schönes zu sehen. Der Blick darauf, was als schön gilt, hat sich in der Kunstgeschichte schon oft verschoben.
Mich interessiert diese Körperlichkeit ohnehin. Ich male hin und wieder den Körper, und das Innere taucht dabei immer wieder auf. Nicht um zu schockieren und nicht nur, um zu schmücken — sondern weil mich genau diese Frage beschäftigt: Was sehen wir eigentlich, wenn wir nach innen schauen? Und beginnt sich das gerade zu ändern?
Alles in einem Bild
Innen, Außen, Real oder Fantasie. Vieles fällt zusammen in einem Bild, kann in einem Bild vereint werden. Die alten Gegensätze halten nicht mehr. Erfundene und Reale, Kleinste und Größte, Makro und Mikro, Kunst und Wissenschaft — alles in einem Bild, in einem Kopf, alles als eine Imagination gleichzeitig möglich. In der Malerei ist eine Zelle genauso eine Galaxie. Es gibt keinen richtigen Maßstab. Nicht mal der Mensch ist noch Maßstab, weil er jetzt KI hat und seine eigene Maßstäblichkeit dadurch enorm verändert hat — und sie wird sich noch weiter verändern. Klar hat man da immer wieder das Gefühl: totale Hilflosigkeit. Vielleicht ist das Beste dabei, bei dem zu bleiben, was man kann, aber auch das neu auszuprobieren, was man noch nie konnte. So schwebe ich in den digitalen Wolken, in einer Fantasiewelt, und gleichzeitig greife ich zum Pinsel und schmiere Pigmente auf die Leinwand. Beides und vieles mehr — zusammen bilden sie mein künstlerisches Universum.
Zum Weiterlesen: Engadget – Midjourney’s full-body ultrasonic scanner · The Next Web – big claims, no track record