Warum Künstler:innen sich jetzt mit künstlicher Intelligenz beschäftigen sollten
Anfang Mai 2026 am Tag des offenen Ateliers im Land Brandenburg fand bei uns im Atelierhaus in Lieberose ein Gespräch „KI in der traditionellen künstlerischen Praxis“ statt. Normalerweise sind solche Tage geprägt von Begegnungen, Blicken auf neue Arbeiten, spontanen Fragen und ungezwungenen Gesprächen. Diesmal wollte ich einen Teil des Tages bewusst thematisch öffnen und über meine Erfahrung mit KI reden.
Das Gespräch haben wir aufgezeichnet, du kannst es auf YouTube anschauen: Hier geht es direkt zur Aufzeichnung
Denn immer wieder werde ich gefragt, warum ich mich als Malerin und bildende Künstlerin mit künstlicher Intelligenz beschäftige. Was hat KI mit Malerei zu tun? Ist das überhaupt noch Kunst? Wird Kunst dadurch oberflächlicher, schneller, beliebiger? Oder entstehen dadurch neue Möglichkeiten, die wir erst langsam verstehen?
Im Gespräch mit Stefan Hetzel ging es genau um diese Fragen. Das Gespräch liefert keine fertige Antworten, es ist ein offener Denkraum. Und vielleicht ist genau das im Moment die ehrlichste Form, über KI und Kunst zu sprechen: mit Neugier, aber ohne Naivität; mit Kritik, aber ohne Angststarre.
Das Interesse an KI wächst – auch in der Kunst
Inzwischen ist deutlich zu spüren: Das Thema künstliche Intelligenz ist im Kunstbereich angekommen. Nicht nur als technisches Werkzeug, sondern als kulturelle Verschiebung. KI verändert, wie Bilder entstehen, wie Texte geschrieben werden, wie Ideen entwickelt, präsentiert und kommuniziert werden.
Viele Künstler:innen reagieren darauf noch mit Skepsis. Das ist verständlich. Die Debatten über Urheberrecht, Trainingsdaten, Bilddiebstahl, Automatisierung und die Entwertung kreativer Arbeit sind ernst zu nehmen. Gleichzeitig reicht es nicht mehr, KI einfach abzulehnen oder als kurzfristigen Hype abzutun.
Denn KI wird nicht wieder verschwinden. Sie wird Teil der visuellen Kultur. Sie wird in Gestaltungsprozessen, in Bildung, Werbung, Kunstmarkt, Kommunikation und künstlerischer Recherche eine immer größere Rolle spielen.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht: „Mache ich jetzt KI-Kunst oder nicht?“
Die wichtigere Frage lautet:
Wie kann ich als Künstler:in meine eigene Praxis mit zeitgenössischen Technologien bewusst, kritisch und selbstbestimmt erweitern?
KI muss nicht bedeuten, dass man Kunst von der Maschine machen lässt
Ein zentrales Missverständnis in der Diskussion über Kunst und KI besteht darin, dass viele sofort an automatisch generierte Hochglanzbilder denken. Ein Prompt, ein Klick, ein fertiges Bild. Genau diese Vorstellung macht vielen Künstler:innen Angst – und langweilt andere zurecht.
Aber die Arbeit mit KI kann viel differenzierter sein.
In meiner eigenen Praxis geht es nicht darum, meine Malerei durch KI zu ersetzen. Meine analoge künstlerische Arbeit bleibt der Ausgangspunkt. Meine Bilder, meine Formen, meine Farbentscheidungen, meine Bildwelt und meine Erfahrung als Malerin bilden die Grundlage.
KI kann dann zu einem Werkzeug werden, das diese vorhandene Praxis befragt, spiegelt, erweitert oder transformiert. Zum Beispiel, indem ein gemaltes Bild analysiert wird. Daraus entsteht ein Text. Dieser Text wird verändert, präzisiert, kritisiert. Dann wird das eigene Bild als Referenz in ein Bildmodell gegeben. Das Ergebnis wird erneut geprüft, verworfen, bearbeitet, weiterentwickelt.
So entsteht kein einfacher Maschinenoutput, sondern eine Feedbackschleife zwischen künstlerischer Entscheidung und algorithmischer Variation.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
KI ist in diesem Fall nicht die Autorin des Werkes. Sie ist Material, Werkzeug, Gegenüber, Reibungsfläche und manchmal auch Störung. Die künstlerische Verantwortung bleibt beim Menschen.
Künstlerische Kontrolle bedeutet nicht totale Kontrolle
Natürlich bleibt KI unberechenbar. Genau darin liegt ein Teil ihrer Faszination – aber auch ihr Problem. Bildmodelle liefern Ergebnisse, die man nicht vollständig vorhersehen kann. Sie kombinieren, glätten, übertreiben, verschönern, vereinfachen. Oft produzieren sie genau das, was statistisch wahrscheinlich ist. Und das Wahrscheinliche ist in der Kunst nicht automatisch interessant.
Im Gegenteil: Kunst braucht oft das Unwahrscheinliche. Das Unbequeme. Das Nicht-Glattgezogene. Den Bruch. Die Entscheidung gegen das Erwartbare.
Deshalb reicht es nicht, ein Tool bedienen zu können. Künstler:innen müssen lernen, die Ergebnisse kritisch zu lesen. Sie müssen erkennen, wann ein KI-Bild nur effektvoll ist und wann tatsächlich ein künstlerischer Impuls entsteht. Sie müssen wissen, wie man KI aus der Konvention herausdrängt.
Gerade darin liegt eine neue künstlerische Kompetenz: nicht nur Bilder zu generieren, sondern Bildprozesse zu steuern, zu bewerten und in die eigene künstlerische Sprache zu integrieren.
Warum „mach mir ein abstraktes Bild“ meistens nicht funktioniert
Ein interessanter Punkt im Gespräch war die Frage, warum KI mit abstrakter Kunst oft so schlecht umgeht. Wer ein Bildmodell einfach bittet, „ein abstraktes Bild“ zu erstellen, bekommt häufig eine dekorative, beliebige oder visuell überladene Oberfläche.
Das liegt daran, dass KI keinen eigenen Begriff von Abstraktion hat. Sie versteht nicht, warum ein Bild kunsthistorisch, formal oder konzeptuell relevant ist. Sie erkennt Muster aus Daten, Wahrscheinlichkeiten und Beschreibungen. Sie kann Stile imitieren, Varianten erzeugen und visuelle Klischees zusammenfügen.
Aber sie weiß nicht, was eine künstlerische Entscheidung bedeutet.
Genau deshalb bleibt menschliche Bildkompetenz entscheidend. Wer als Künstler:in mit KI arbeitet, braucht nicht weniger Fachlichkeit, sondern mehr. Man muss präziser sehen, besser formulieren, stärker auswählen und konsequenter verwerfen können.
KI ersetzt keine künstlerische Haltung. Sie fordert sie heraus.
Für Künstler:innen geht es nicht um Selbstbestimmung
Ich glaube nicht, dass jede Künstlerin und jeder Künstler künftig KI-Bilder ausstellen muss. Das wäre eine falsche Schlussfolgerung.
Aber ich bin überzeugt: Künstler:innen müssen verstehen, was KI mit Bildern macht. Sie müssen begreifen, wie diese Systeme funktionieren, welche Ästhetiken sie erzeugen, welche Risiken sie mitbringen und wo sie sinnvoll eingesetzt werden können.
Denn wer die Werkzeuge nicht versteht, verliert Gestaltungsspielraum.
Das bedeutet nicht, jedem Trend hinterherzulaufen. Es bedeutet, eine eigene Position zu entwickeln. Man kann KI ablehnen, aber dann sollte man wissen, was man ablehnt. Man kann KI nutzen, aber dann sollte man wissen, wofür und unter welchen Bedingungen. Man kann sie kritisch, spielerisch, strategisch, experimentell oder konzeptuell einsetzen.
Wichtig ist: Die Entscheidung sollte aus Kenntnis entstehen, nicht aus Angst.
KI als Erweiterung der künstlerischen Praxis
Für mich liegt das Potenzial von KI vor allem in der Erweiterung. Sie kann helfen, eigene Bildwelten zu analysieren, Variationen zu entwickeln, Serien zu denken, visuelle Richtungen zu testen, Texte zu formulieren, Projekte zu strukturieren oder Präsentationen vorzubereiten.
Sie kann auch helfen, zwischen analoger und digitaler Arbeit neue Übergänge zu schaffen.
Ein gemaltes Bild kann Ausgangspunkt für digitale Varianten werden. Eine KI-generierte Struktur kann wiederum Impuls für eine neue Malerei sein. Ein Text kann helfen, die eigene Bildsprache klarer zu sehen. Ein Modell kann eine Serie sichtbar machen, bevor sie materiell umgesetzt wird.
Das Entscheidende ist nicht, ob ein Werk „mit KI“ oder „ohne KI“ entstanden ist. Viel interessanter ist die Frage, ob durch den Prozess eine relevante künstlerische Entscheidung sichtbar wird.
ORBA ART SPACE: Ein Raum für Kunst, KI und Bildsprache
Aus diesen Erfahrungen ist auch mein Wunsch entstanden, ORBA ART SPACE weiterzuentwickeln: als Raum für zeitgenössische Malerei, Bild-KI und künstlerische Bildung.
Ich möchte Künstler:innen und kreative Menschen dabei unterstützen, KI nicht oberflächlich zu verwenden, sondern sinnvoll in die eigene Arbeit zu integrieren. Es geht nicht um schnelle Effekte. Es geht um Bildkompetenz, eigene Handschrift, künstlerische Haltung und eine zeitgemäße visuelle Praxis.
Viele Menschen spüren, dass sich etwas verändert. Gleichzeitig wissen sie nicht, wo sie anfangen sollen. Genau hier braucht es Orientierung. Nicht laute Versprechen, sondern klare Einführung. Nicht Technik um der Technik willen, sondern Werkzeuge, die in den eigenen kreativen Prozess eingebunden werden können.
Fazit: KI ist ein Prüfstein für künstlerische Klarheit
Das Ateliergespräch hat mir noch einmal gezeigt, wie wichtig es ist, öffentlich über diese Fragen zu sprechen. KI polarisiert. Sie fasziniert, irritiert und verunsichert. Aber genau deshalb gehört sie in den künstlerischen Diskurs.
Künstler:innen müssen sich nicht von KI treiben lassen. Aber sie können sie auch nicht ignorieren.
Die Zukunft der Kunst wird nicht davon abhängen, ob Maschinen Bilder erzeugen können. Das können sie längst. Die wichtigere Frage ist: was (kreative) Menschen mit diesen neuen Möglichkeiten anfangen?
Für mich bleibt Kunst ein menschlicher Akt:
eine Entscheidung, eine Haltung, eine Verdichtung von Erfahrung, Wahrnehmung und Form.
KI kann diesen Prozess nicht ersetzen. Aber sie kann ihn erweitern, beschleunigen, stören, spiegeln und herausfordern.
Und genau dort beginnt es interessant zu werden.
Das vollständige Ateliergespräch kannst du dir hier auf YouTube ansehen, mit handverlesenen Untertiteln (danke Ralf Schuster 😊). Mich interessiert sehr, wie du über Kunst und KI denkst:
Welche Chancen siehst du, welche Fragen bleiben offen?
Schreib gern einen Kommentar unter das Video oder vernetze dich mit mir.
Mehr über meine Arbeit an der Schnittstelle von Malerei, KI und zeitgenössischer Bildsprache:
ORBA ART SPACE: https://artspace.orba-art.com/
Instagram / KI-Experimente: https://www.instagram.com/orba_generativ/