Reflektionen zur Ausstellung DAZWISCHEN – Aktuelle Kunst von Eka Orba und Ralf Schuster

MOZ-Artikel 14.07.2025 kurze Zusammenfassung:

Die Ausstellung „Dazwischen“ in Burg Friedland präsentiert Werke der Cottbuser Künstler Eka Orba und Ralf Schuster, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Orba kombiniert Malerei mit digitalen Techniken, QR-Codes und KI-generierten Bildern. Ihre Arbeiten bewegen sich zwischen Poesie, Technologie und gesellschaftskritischen Gedanken. Ralf Schuster hingegen zeigt skurrile Objekte, die zum Schmunzeln und Staunen anregen – eine Mischung aus Musik, Film und Bildhauerei. Die Ausstellung erlaubt einen spannenden Blick auf zwei sehr individuelle künstlerische Positionen und lädt Besucher bis 31. August zu einem ästhetisch wie auch inhaltlich tiefgründigen Erlebnis ein.

Einführungstext vom Stefan Hetzel:

Drei Dinge haben die Künstlerin Eka Orba beim Malen dieser Acrylbilder inspiriert: Ihre Leidenschaft für Pflanzen, ihre Faszination für Schwerelosigkeit und die Frage, wie wohl außerirdisches Leben aussehen könnte. Im Ergebnis sehen wir entfernt an Quallen oder andere wirbellose Tiere erinnernde Wesen, die, meist deutlich voneinander abgehoben, in einem nicht näher bestimmten Raum schweben. Nach Aussage der Künstlerin geht es in ihnen darum, „Himmlisches und Pflanzliches in der Malerei zu vereinen“. Weiterhin zu sehen ist eine kleine Auswahl aktueller Zeichnungen, allesamt bevölkert durch mysteriöse „Wesen“, die uns hier manchmal sogar aus einem Auge anblicken.

Im Glaskasten sehen wir die 12-teilige Skulpturengruppe „Horoskop“. Wie der Name schon vermuten lässt, ist jedem Tierkreiszeichen ein Objekt zugeordnet. Welches das allerdings jeweils ist, das muss die Betrachterin selbst entscheiden.

Im Raum nebenan befinden sich neben Gemälden drei Drucke, die mithilfe von KI erstellt wurden. Wer animierte Versionen der Bilder, die mithilfe Künstlicher Intelligenz (KI) entstanden, auf seinem Smartphone sehen will, kann die QR-Codes neben den Bildern scannen.

Bildwelt von Ralf Schuster wird von stark typisiert und schematisiert dargestellen Menschen dominiert, die miteinander in oft problematischer Beziehung stehen. Der Stil seiner teilweise kolorierten Zeichnungen erinnert an die entwaffende Einfachheit von Kinderbildern. Wovon man sich allerdings nicht täuschen lassen sollte. Schusters vielfigurige Bildstreifen sind alles andere als kindlich-naiv. Vielmehr werden zeitlose zwischenmenschliche Probleme von Dominanz, sexuellem Begehren, Erfolgs- und Gewinnstreben sowie künstlerischer Selbstbezogenheit satirisch aufgespießt und teilweise recht derb und direkt dargestellt.

Das zweite große Thema der hier präsentierten Arbeiten Schusters ist die ökologische Sorge um die Welt. Auf dem Bildschirm im Foyer laufen Kurzfilme, die die Entstehung seiner Bilder dokumentieren und fertige Arbeiten collagieren, jeweils begleitet durch Musik von Stefan Hetzel.

Eigene Reflektion der Künstlerin Eka Orba über die Ausstellung

Im Dialog mit dem Unbekannten und die Suche nach einer neuen visuellen Sprache

Die stille Intelligenz der Pflanzen

Wenn ich vor einer Pflanze stehe – sei es ein zartes Farnblatt, das sich spiralförmig entrollt, oder eine Wurzel, die sich durch feinste Erdschichten tastet –, spüre ich eine Form von Intelligenz, die unserer menschlichen vollkommen fremd und doch vertraut ist. Diese Wesen leben, atmen, kommunizieren miteinander durch chemische Signale, passen sich an, lernen sogar – aber sie tun es in einer Zeitlichkeit, die sich unserem hektischen Rhythmus entzieht.

Meine Malerei speist sich aus dieser tiefen Faszination für das Lebendige, für diese andere Art des Seins. Pflanzen sind für mich nicht nur Motiv, sondern Lehrmeister einer Ästhetik des Werdens. Ihre Formen folgen mathematischen Prinzipien – der Fibonacci-Spirale, dem goldenen Schnitt – und doch wirken sie niemals mechanisch. Sie verkörpern das Paradox einer strukturierten Spontaneität, einer geordneten Wildheit.

In meinen Arbeiten versuche ich, diesen pflanzlichen Duktus zu übersetzen: das organische Fließen, die asymmetrische Symmetrie, das sanfte Pulsieren zwischen Expansion und Kontraktion. Ich lasse mich von der Art leiten, wie sich Ranken spiralförmig um Stützen winden, wie Blätter das Licht suchen, wie Samen ihre Formen aus sich heraus entwickeln. Diese Bewegungen sind nie zufällig – sie folgen einer inneren Logik, die älter ist als alle menschliche Vernunft.

Schwerelosigkeit als künstlerisches Prinzip

Doch meine Faszination gilt nicht nur dem Irdischen. Immer wieder kreisen meine Gedanken um die Idee der Schwerelosigkeit – nicht nur als physikalisches Phänomen, sondern als Metapher für Befreiung von den Zwängen unserer gewohnten Wahrnehmung. Was geschieht mit Formen, wenn sie nicht mehr der Erdanziehung unterliegen? Wie entwickeln sich Strukturen in einem Raum ohne Oben und Unten?

Diese Fragen führen mich zu spekulativen Visionen außerirdischen Lebens. Nicht die klischeehaften grünen Männchen der Science Fiction interessieren mich, sondern die radikale Andersartigkeit, die entstehen könnte, wenn Leben unter völlig anderen Bedingungen evolviert. Welche Formen nähme Intelligenz an, die nicht durch Schwerkraft, Sonnenlicht und Sauerstoff geprägt wurde, sondern durch andere Atmosphären, andere Energiequellen, andere Sinne?

In meinen Bildern verschmelzen diese beiden Faszinationen: die irdische Pflanzenwelt und die Idee extraterrestrischer Evolution. Es entstehen hybride Wesen, die weder eindeutig pflanzlich noch tierisch sind, weder vollständig vertraut noch völlig fremd. Sie schweben in undefinierten Räumen, befreit von den Gesetzen unserer Physik, und folgen doch einer inneren Logik des Wachstums und der Transformation.

Zwischen Embryo und Kosmos

Die Gestalten, die auf meinen Leinwänden entstehen, haben etwas Embryonales – sie befinden sich in einem Zustand des Werdens, des Noch-nicht-vollständig-Seins. Manche erinnern an die durchscheinenden Körper von Tiefseequallen, andere an die zellulären Strukturen, die unter dem Mikroskop sichtbar werden. Sie alle teilen eine gewisse Fragilität, eine Durchlässigkeit, als wären sie aus Licht und Erinnerung gewebt.

Diese ästhetische Entscheidung ist nicht zufällig. Das Embryonale verkörpert für mich das reine Potenzial – den Moment, in dem alles möglich ist, bevor die Form sich endgültig festlegt. Es ist der Zustand der maximalen Offenheit, der größten Verletzlichkeit und zugleich der größten Kraft. In der Embryologie treffen sich Wissenschaft und Mystik: Hier wird aus einer einzigen Zelle ein komplexer Organismus, hier vollzieht sich das Wunder der Morphogenese.

Gleichzeitig haben meine Wesen etwas Kosmisches. Sie scheinen aus den Tiefen des Weltraums zu kommen oder dorthin zu streben. Ihre transluzenten Körper erinnern an Nebel, an Galaxien, an die großen kosmischen Strukturen, die unser Universum durchziehen. Sie verkörpern die Verbindung zwischen dem Mikro- und Makrokosmos – zwischen der kleinsten Zelle und dem größten galaktischen Gebilde.

Die Poesie der Technologie

Meine künstlerische Praxis bewegt sich bewusst zwischen traditionellen und neuen Medien. Neben Zeichnung und Malerei arbeite ich mit digitalen Werkzeugen, KI-gestützten Prozessen und interaktiven Elementen. Diese Medien sind für mich kein bloßes technisches Mittel, sondern Teil einer erweiterten künstlerischen Sprache.

Die Zusammenarbeit mit Künstlicher Intelligenz eröffnet mir neue Möglichkeiten der Formengeneration. Die KI wird zu einer Art Co-Kreatorin, die meine Visionen in unerwartete Richtungen lenkt. Sie zeigt mir Formen, die ich nie bewusst erdacht hätte, und doch sprechen sie eine Sprache, die mir vertraut ist. Es ist, als würde die Maschine träumen – und ihre Träume haben etwas seltsam Organisches.

Die QR-Codes in meinen Installationen funktionieren als Portale zwischen den physischen und digitalen Ebenen der Werke. Besucher*innen können durch das Scannen in animierte Welten eintauchen, in denen meine gemalten Wesen zum Leben erwachen, sich bewegen, transformieren. Diese erweiterte Realität ist nicht Gimmick, sondern konzeptuelle Notwendigkeit: Sie macht die Metamorphose sichtbar, die im Zentrum meiner künstlerischen Vision steht.

Horoskop: Offene Mythologien

Die Serie „Horoskop“ überträgt die zwölf Tierkreiszeichen in eine andere visuelle Sprache. Statt die traditionelle Symbolik zu reproduzieren, schaffe ich bewusst offene, mehrdeutige Formen. Diese Skulpturen sind keine Illustration astrologischer Vorstellungen, sondern Projektionsflächen für persönliche Mythologien.

Jede der zwölf Arbeiten besitzt eine eigene organische Ausstrahlung, eine spezifische energetische Signatur. stark erotische Formen erinnern an schwebende Organismen. Die Betrachtenden sind eingeladen, ihre eigenen Assoziationen zu entwickeln, ihre eigenen Geschichten zu erfinden. Interpretation wird so zu einem kreativen Akt.

Diese Herangehensweise spiegelt meine grundsätzliche künstlerische Haltung wider: Ich schaffe nicht für die Betrachtenden, sondern mit ihnen zusammen. Meine Werke sind Anfänge von Dialogen, nicht deren Abschluss. Sie stellen Fragen, anstatt Antworten zu geben. Sie schaffen Denkräume, in denen neue Perspektiven entstehen können.

Kunst zwischen Wissenschaft und Imagination

In einer Zeit, in der Technologie unser Weltbild mit rasanter Geschwindigkeit verändert, sehe ich die Rolle der Kunst nicht nur im Reflektieren, sondern auch im Träumen. Kunst darf spekulativ sein, visionär, experimentell. Sie darf Welten entwerfen, die noch nicht existieren, und Wesen erschaffen, die jenseits unserer biologischen Erfahrung liegen.

Meine Arbeit bewegt sich bewusst im Grenzbereich zwischen Kunst und Wissenschaft. Ich lasse mich von biologischen Prozessen inspirieren, ohne sie zu kopieren. Ich denke über Evolution nach, ohne Evolutionsbiologin zu sein. Ich spekuliere über außerirdisches Leben, ohne Astrobiologin zu sein. Diese interdisziplinäre Offenheit ermöglicht es mir, neue Verbindungen zu knüpfen, unerwartete Synthesen zu schaffen.

Die Wissenschaft erforscht, was ist. Die Kunst kann darüber hinaus erforschen, was sein könnte. Sie kann Möglichkeitsräume öffnen, alternative Realitäten entwerfen, das Unmögliche denkbar machen. In meinen Bildern verschmelzen empirische Beobachtung und phantastische Spekulation zu einer poetischen Ökologie jenseits des Rationalen.

Das Prinzip des Dazwischen

„Dazwischen“ ist mehr als nur der Titel meiner Ausstellung – es ist mein künstlerisches Prinzip. Meine Wesen existieren zwischen Pflanze und Tier, zwischen Erde und Kosmos, zwischen Realität und Traum. Sie sind weder eindeutig organisch noch eindeutig künstlich, weder vollständig vertraut noch völlig fremd.

Dieses Dazwischen ist ein produktiver Raum der Unbestimmtheit. Hier entstehen neue Formen, neue Bedeutungen, neue Möglichkeiten des Seins. Es ist der Raum der Metamorphose, der permanenten Transformation. Meine Gestalten sind niemals fertig – sie befinden sich in einem Zustand des ewigen Werdens.

Als Künstlerin bewege ich mich in diesem Zwischenraum mit einer Mischung aus Neugier und Hingabe. Jedes neue Bild ist ein Experiment, jede neue Form eine Frage an das Unbekannte. Ich folge den Spuren einer Ästhetik, die sich erst im Entstehen offenbart. Ich vertraue auf den kreativen Prozess, auch wenn – oder gerade weil – ich nie genau weiß, wohin er mich führen wird.

Verzauberung als Widerstand

In einer Welt, die zunehmend von Effizienz, Funktionalität und ökonomischer Verwertbarkeit geprägt ist, setze ich auf die Kraft der Verzauberung. Meine Kunst will nicht nützlich sein im herkömmlichen Sinne. Sie will staunen machen, träumen lassen, das Gewohnte verfremden.

Die schwebenden Wesen meiner Bilder sind Verkörperungen dieser anderen Logik. Sie folgen keinem Zweck außer dem ihrer eigenen Schönheit. Sie existieren um ihrer selbst willen, in einer Zeit, die sich schwer damit tut, Zwecklosigkeit zu akzeptieren. In ihrer fragilen Präsenz liegt ein sanfter Widerstand gegen die Instrumentalisierung des Lebendigen.

Gleichzeitig sind sie Hoffnungsträger für andere Möglichkeiten des Seins. Sie zeigen, dass Leben auch anders gedacht werden kann – jenseits von Konkurrenz und Ausbeutung, jenseits von starren Kategorien und eindeutigen Zuordnungen. Sie verkörpern eine Ökologie der Verbindung, der wechselseitigen Durchdringung, der symbiotischen Koexistenz.

Ausblick: Der Dialog mit dem Unbekannten

Meine künstlerische Reise ist noch lange nicht zu Ende. Mit jedem neuen Werk erweitert sich mein Vokabular, mit jeder neuen Technik öffnen sich neue Möglichkeitsräume. Die Zusammenarbeit mit KI wird noch intensiver werden, die Verbindung von physischen und digitalen Elementen noch nahtloser.

Der Dialog mit dem Unbekannten bleibt meine größte Inspiration und meine größte Herausforderung. In einer Zeit, in der das Fremde oft als Bedrohung wahrgenommen wird, setze ich auf die Schönheit der Begegnung mit dem Anderen. Meine Kunst ist ein Angebot zur Verständigung – nicht durch Worte, sondern durch die universelle Sprache der Form, der Farbe, der Bewegung.

In diesem Sinne verstehe ich mich als Übersetzerin zwischen den Welten: zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren, zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten, zwischen dem Menschlichen und dem Nicht-Menschlichen. Meine Bilder sind Brücken in unentdeckte Territorien der Wahrnehmung – Einladungen zu Reisen, die das Bewusstsein für immer verändern können.

Eka Orba
abstract art rooted in organic beauty